Christiane Scheib
Huforthopädie - Ernährungsberatung - Training
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EMS, Cushing (PPID), Insulinresistenz
Modekrankheiten oder Stoffwechselstörungen?
Was ist das überhaupt?
Seit einigen Jahren tauchen immer mehr Pferde mit stoffwechselbedingten „Syndrom“-Erkrankungen auf. Dazu gehört das Equine Metabolische Syndrom (EMS), das auch als „Pferdediabetes“ bezeichnet wird, ebenso wie das Equine Cushing Syndrom (Cushing), seit neustem auch als PPID (Pituitary Pars Intermediate Dysfunction) bezeichnet.
Noch bis in die 1980er Jahre waren EMS und Insulinresistenz in der tiermedizinischen Literatur komplett unbekannt. Cushing wurde als eine sehr seltene, bei sehr alten Pferden vorkommende Erkrankung beschrieben. Heute wird bald jedes zweite Pferd über 18 Jahre mit Cushing diagnostiziert.
Allerdings hat nicht jedes Pferd mit EMS-Symptomen auch eine Insulinresistenz. Und nicht jedes Pferd mit Cushing-Symptomen hat einen Hypophysentumor.
Daher sollte man sich diese Erkrankungen etwas genauer anschauen, um zu verstehen, wo die Symptome herkommen. Dazu muss man sich ein bisschen näher mit dem Hormonsystem des Pferdes beschäftigen.
Das Hormonsystem - ein hochsensibles und selbstregulierendes System
Der Körper hat verschiedene Hormondrüsen, die wie ein Orchester zusammen spielen. Der Dirigent dieses Orchesters ist die Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Sie steuert alle anderen Hormondrüsen wie Schilddrüse, Nebennieren, Geschlechtsdrüsen (Eierstöcke und Hoden), Bauchspeicheldrüse und weitere. Alle diese Drüsen steuern wiederum die Hypophyse und beeinflussen sich untereinander.
Das Hormonsystem verbindet entfernte Bereiche
Die Schilddrüse steuert unter anderem die Nebenniere. Diese reguliert nicht nur sich selber, sondern auch die Hypophyse. Dieses komplizierte System bewirkt, dass jede Störung an einer Stelle des Hormonsystems zu Auswirkungen an einem ganz anderen Ende führen kann. Hormone sind Substanzen, die der Körper selber produziert und die überall im Stoffwechsel steuernd eingreifen. Sie sind schon in winzigsten Mengen wirksam und arbeiten ganz spezifisch, indem nur bestimmte Zellen Rezeptoren für das jeweilige Hormon besitzen. Zellen ohne solche Rezeptren sind quasi blind für das Hormon. Außerdem sind Rezeptoren verschiedener Zellen unterschiedlich empfindlich.
Steuerung des Blutzuckers durch Insulin
Am empfindlichsten für Insulin sind die Rezeptoren der Muskel- und Leberzellen, welche auch als die großen Zuckerspeicher im Körper dienen, wenn der Blutzucker ansteigt: nach einer zuckerreichen Mahlzeit schüttet die Bauchspeicheldrüse Insulin aus. Das Insulin bindet vor allem an Leber- und Muskelzellen, die den Zucker aufnehmen und Zwischenspeichern. Der Blutzuckerspiegel geht auf Normalniveau. Sinkt der Blutzuckerspiegel weiter ab, gibt die Leber wieder Zucker ab. Muskeln setzen Zucke in Arbeit um.
Zuckerlastige Fütterung verringert die Sensibilität der Zuckersensoren
Pferde benötigen lange Zeit, um nach einer Kraftfuttermahlzeit wieder das normale Blutzuckerniveau zu erreichen, nämlich bis zu sechs Stunden.
Die Regulierung dauert umso länger, je weniger das Pferd trainiert wird. Besteht eine ständige Überversorgung mit Zucker, z.B. durch reichlich Kraftfutter, Obst, Gemüse oder versteckte Zucker, verlieren die Rezeptoren ihre Sensibilität, weil ja ständig ein hoher Insulinspiegel vorliegt. Die Folge ist, dass die Zellen keinen Zucker mehr aus dem Blut aufnehmen und der Blutzuckerspiegel konstant zu hoch bleibt. Das nennt man Insulinresistenz oder - beim Menschen - Diabetes Typ 2.
Die Rolle von Selen in der Hormonregulation
Um in der Muskelzelle vom Insulin zur Aufnahme des Zuckers aus dem Blut zu kommen, spielt Chrom eine entscheidende Rolle. Es kann durch einen Selen-Überschuss im Gewebe verdrängt werden: die Muskelzelle reagiert nicht mehr auf das Insulinsignal. Bis in die 90er Jahre war Selenmangel beim Pferd unbekannt, weil dieser Wert nicht standardmäßig bestimmt wurde. Nachdem Selen aber als Standardwert im Blutbild mit leider viel zu hohen Referenzwerten aufgenommen wurde, entwickelte sich die Mär von den selenarmen Böden. Daher wird heute praktisch jedes Pferdefutter mit Selen versetzt und auch den Düngemitteln wird seit etwa zehn Jahren häufig Selen zugefügt - eine fatale Entwicklung.
Eine Selenbestimmung beim Pferd sagt nichts über die Versorgung mit Selen aus
Das Problem an der Selenbestimmung beim Pferd ist nicht nur, dass es eine ganze Bandbreite von möglichen Grenzwerten gibt - je nach Autor und Untersuchung - sondern vielmehr, dass der Blutplasmawert, der hier üblicherweise bestimmt wird, überhaupt nichts über die tatsächliche Versorgung des Pferdes mit Selen aussagt. Der Blut-Wert sinkt als erstes, während in den Geweben - und zwar vor allem in den Hormondrüsen, Muskelzellen und der Leber - noch lange ausreichend Selen vorliegen kann. Umgekehrt wird bei Zufütterung zuerst Selen in den Geweben eingelagert und erst zum Schluss im Blut. Das führt dazu, dass die meisten Pferde heute, durch die Selenisierung der Futtermittel, an einer chronischen und schleichenden Selen-Vergiftung leiden. Denn der Grat zwischen Wirkung und Gift ist bei Selen sehr schmal.
Was bewirkt eine Überversorgung mit Selen?
Reichert sich Selen in der Leber oder Schilddrüse an (was bei gleichzeitigem Selenmangel im Blutbild vorliegen kann!), kann das dazu führen, dass zu viel vom normalerweise gebundenen Schilddrüsenhormon aktiviert wird. Dies kann über die natürlichen Regulationsmechanismen dafür sorgen, dass die Hypophyse die Produktion von Schilddrüsenhormon reguliert und das Pferd in eine diagnostisch unerkannte Schildrüsenunterfunktion (Hypothyreose) geraten kann der hohe Gehalt aktiviertem Schilddrüsenhormons führt in vielen Fällen zu einer Hochregulation der Nebennierenhormone, der sogenannten Glucocorticoide. Dieses körpereigene Cortison ist nun dafür zuständig, dass in großen Stil körpereigene Eiweiße in Zucker umgewandelt werden, um Energie zu gewinnen - weil das Hormonsystem einen offenbaren Energiemangel suggeriert. In den Muskeln führt Selen durch Verdrängen von Chrom zu Insulinresistenz.
Symptome
Das führt zu all den sichtbaren Symptomen, die wir bei EMS und Cushing Pferden beobachten können: Muskelabbau, schwaches Immunsystem, brüchige Sehnen, Hufrehe, schlechtes Hufhorn, schlechte Haut und das plüschige Fell, das im Frühling nicht abgeworfen wird. Bei vielen Pferden steigt der Blutzuckerspiegel an. Das wiederum kann die Insulinresistenz verstärken, die oft mit EMS und Cushing einhergeht. Der Körper reagiert manchmal damit, diesen Zucker in Fett umzuwandeln und bildet auffällige Fettpolster, während gleichzeitig die Rückenmuskulatur immer mehr schwindet. Alternativ wird der Zucker unsauber verstoffwechselt und im Bindegewebe zwischengelagert, was zu einem „fetten“ - aber eigentlich aufgedunsenen - Aussehen der Pferde führt.
Was die Diagnose schwierig macht
Welcher Stoffwechselweg beschritten wird, welche Symptome wann auftreten, ist je nach Pferd verschieden - das macht die Bestimmung der Erkrankungen so schwierig. Bei Cushing-Verdacht wird üblicherweise ACTH gemessen. Das ist ein Hormon, das von der Hypophyse auch unter Stress ausgeschüttet wird, um die Nebenniere zu aktivieren. Es sagt nur, dass die Nebennierenregulation gestört ist und unterliegt im Tagesverlauf großen natürlichen Schwankungen. Ein erhöhter ACTH-Wert ist daher noch lange kein Beweis für Cushing (PPID)!
EMS, Pseudo-Cushing und Insulinresistenz sind also „hingefütterte“ Zivilisationskrankheiten. Man muss die Ursache therapieren, nicht die Symptome unterdrücken.
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